Tourblog #12 (2008)
Günther Jauch: Schönen guten Abend verehrte Zuschauer, willkommen bei SternTV! Sie haben es sicherlich alle mitbekommen: Am Wochenende fand das Hurricane-Festival in Scheeßel statt und nicht nur das – wie die BILD heute morgen berichtete, kam es bei dem Auftritt der jungen, nicht gerade aufstrebenden Band „Jennifer Rostock“ zu einem Eklat: Der Gitarrist der Formation betrat die Bühne mit zehnminütiger Verspätung. Geplante Marketingstrategie? Gelebter Rock’n’Roll? Oder einfach nur ein dummes Versehen? Diesen Fragen wollen wir heute Abend mit unseren illustren Gästen auf den Grund gehen. Mit dabei: Jennifer Rostock, vertreten durch Jennifer und den Unglücksraben Alex, Günther Netzer, der die verdorbene Show in ihrer ganzen Dramatik aus der ersten Reihe verfolgt hat, und der hochkarätigste Musikkritiker, den wir für den heutigen Abend verpflichten konnten: Tim Mälzer.
Tim: [Auf]
Jauch: Ja, was werden sie uns denn heute Abend Schönes kochen!?
Tim: Ich habe mir für den heutigen Anlass etwa ganz besonders Tragisches überlegt. Es wird heulende Krebsskelette auf einem Grab aus zu spät kommender Wurzelhumuspastete geben. Dazu servieren wir einen französischen Kabelsalat und reichen zwei Dosen Red Bull – Sternburg – Mix.
Jauch: Tim, das klingt ja nach einem fetten Braten, den du da fahren willst. Da läuft mir ja jetzt schon sämtliches Wasser im Schritt zusammen. Geh schon mal in deine Kochecke. Wir begrüßen nun unseren zweiten Gast, Günther Netzer, den insofern Einiges mit der Band verbindet.
Netzer: [Auf] Das seh ich ganz anders, Günther!
Jauch: Ja, danke, Günther!
Jennifer & Alex: [Auf, unter tosenden Buhrufen]
Jauch: Und hier kommen auch schon die Protagonisten der heutigen Show auf die Bühne gesneakt: Hallo Jennifer, hallo Alex. Nehmt doch bitte Platz! So, bevor wir zum eigentlichen Thema, nämlich eurem Auftritt beim Hurricane 2008, kommen, wollen wir natürlich erstmal eure Eindrücke vom Southside Festival hören, auf dem ihr am Samstag gespielt hattet.
Jennifer: Ja, das war für uns auf jeden Fall einer der bisher denkwürdigsten Auftritte überhaupt. Wir sind so große Bühnen und so viel Publikum überhaupt nicht gewohnt. Dass mehr als 15 tausend Leute sich so früh, denn wir spielten ja schon 13:30 Uhr, aus ihren Zelten rollen würden, um vor der Bühne in der sengenden Mittagssonne zu brutzeln, hätten wir nicht erwartet. Und dass dieser Haufen betrunkenen Jungvolks in dieser Hitze dann auch noch anfängt rumzumoshen moshen moshen – das war klasse! Es wurden sogar zwei rosarote, riesengroße Elefanten im Publikum erspäht - vielleicht aber auch nur eine Fata Morgana in diesem wüstenähnlichen Klima…
Alex: Während der Rest der Band sich im Anschluss einen ausgedehnten Pressemarathon antat, setzte ich mich in den bereitgestellten Flieger Richtung Berlin, wo ich am Abend noch dem Abiball meiner Schwester beiwohnte. Damit kam die Lawine des Grauens ins Rollen.
Netzer: Abiball!? Sowas schimpft sich heute Rock’n’Roll oder was? Schwach! Ganz schwach!
Jennifer: Maaaaaaaaaaaaann!
Jauch: So beruhigen Sie sich doch, Frau Rostock.
Jennifer: Ich heiße nicht Rostock! [Ab, keifend]
Alex: Nachdem sich die anderen Vier am Southside-Abend noch die eine oder andere Band reinzogen und Joe die Bierbong für sich entdeckte und im Meer von Zelten unterging, machte sich die Mannschaft des Nächtens per Bus auf den Weg nach Hurricane-Stadt.
Jauch: Tim, darf ich zwischendurch nachfragen, wie es bei dir läuft?
Tim: Bisher verläuft noch Alles nach Plan. Die Krebsskelette sind schon heftig am Tränen und lassen eine Heulorgie erwarten.
Jauch: Mmmhhmm… Feinemaus! Alex, wie war denn dein Plan für die Anreise zum Hurricane?
Alex: Wie geplant fuhr ich am Sonntag Morgen schon 7:00 Uhr von zuhause los, um spätestens um 10 am Festivalgelände anzukommen. Zwei Stunden Polster sollten reichen, will man meinen. Während die anderen Vier gegen 8 Uhr mit dem Bus Scheeßel erreichten und sich reinen Gewissens unter die Duschen legten, um mich wenig später frisch und duftend zu empfangen, entschloss sich ein gesetzter älterer Herr (wahrscheinlich mit gut gemeinter Absicht aus Versehen), die Autobahn in Gegenrichtung zu befahren. Der Verwirrte teilte später der Polizei mit, dass er dachte, alle Anderen fahren falschrum. Dazwischen befanden sich nur leider 2 Stunden Autobahnvollsperrung. Zeitpolster: Pustekuchen.
Jauch: Tim, darf ich zwischendurch nachfragen, wie es bei dir läuft?
Tim: Es wird langsam brenzlich am Herd. Die Krebsskelette heulen, wie geplant, doch die zu spät kommende Pastete lässt auf sich warten. Wer konnte damit rechnen?
Jennifer: [hinter der Bühne keifend] Der Auftritt rückte näher und näher und von Alex war keine Spur. Die Band kotzte Hasstiraden auf den Gitarristen ab, da wir geschlossen davon ausgingen, das Jungchen hätte verpennt. Wir konnten ja nicht wissen, dass höhere Gewalt in Form eines älteren gesetzten Herren (verwirrt) die Ursache des größtanzunehmenden Unglücks verbrach.
Alex: Ich schwitzte Schweiß und Galle in meinem Auto (ähh..) 10 km vor der Abfahrt.
Jauch: Es klingt dramatisch! War denn kein Bruce-Willeskes Hubschrauber-Rettungsszenario geplant?
Alex: Doch doch, in der Tat: Ein Motorrad wurde vom Festivalgelände ausgesandt, um an der Abfahrt mit röhrendem Motor und durchdrehenden Reifen auf mich zu warten. Nur leider trennten mich noch besagte 10 km von dem erlösenden Gefährt.
Jauch: Und noch 10 Minuten bis Buffalo… Wie ging denn der Rest der Band mit dieser Spannung um? War es nicht langsam Zeit, die Bühne zu betreten?
Netzer: Ja, richtig! Das Publikum, was bereits 12 Uhr mittags vor der Bühne ein Meer von erwartungsvollen Pausbäckchen bildete, trieb die Nervosität der Band – zu Recht! Und ich sage es nochmal: zu Recht! – durch „Jennifer Rostock“ – Sprechchöre immer mehr Richtung Fegefeuer! An den Siedepunkt des Erträglichen! Bis zu diesen Moment hoffte die junge, nicht besonders aufstrebende Kombo noch, dass eh alle Festivalbesuchermäuse betrunken und verkatert in den Zelten moderten. Pustekuchen! Mehr als 10 Tausend Festivalbesuchermäuse hüpften schon erregt vor der Bühne auf und upper!
Alex: Die anderen Vier befanden sich mittlerweile schon am Rande der Bühne, bereit sie zu betreten, in der Hoffnung, in den letzten Sekunden vor Showbeginn würde das Wunder von Scheeßel noch geschehen.
Jennifer: [hinter der Bühne keifend] Pustekuchen! Aber was sollten wir machen!? So viele Leute sind gekommen, um uns zu sehen. Sollten wir die Show absagen und die Festivalbesuchermäuse enttäuschen? Nein! Nicht mit uns! Wir machen uns, wenn es sein muss, auch zum Klops! Hauptsache die Show goes on!
Jauch: Also betraten die Vier ohne Gitarristen die Bühne?
Netzer: Richtig! Ohne auch nur eine Ahnung zu haben, wie sie das umsetzen wollen. Spontan mussten sie Gitarrensoli ersetzen, den Sound fetter fahren als je zuvor und – was das Schwierigste war – das optische Loch an der Position des Bandcuties kompensieren.
Jauch: Tim, darf ich zwischendurch nachfragen, wie es bei dir läuft?
Tim: Während die heulenden Krebsskelette und der französische Kabelsalat auf dem Teller angerichtet sind und auch die zwei Dosen Red Bull – Sternburg – Mix bereit stehen, lässt die zu spät kommende Wurzelhumuspastete nach wie vor auf sich warten. Langsam wird’s wirklich eng. Gott steh uns bei! Wenn das mal kein kulinarisches Desaster wird!
Netzer: Das akustische Desaster auf der Hurricane-Hauptbühne war jedoch schon so gut wie vorprogrammiert. Song um Song verstrichen und die vier Überreste der aufstrebenden, nicht gerade jungen Band blamierten sich nach Strich und Hupe!
Jennifer: [hinter der Bühne keifend] Ich war bis auf die Knochen gedemütigt. Ich traute mich kaum noch, ins Publikum zu schauen.
Netzer: Doch dann …
Jauch: Doch dann?
Alex: Doch dann!
Jennifer: [auf , laufend] Doch daaaaaannn!!!!!
Alex: Jaha, hier kommt Alex! Ich erreichte den Hof mit Müh und Not!
Tim: Seht da, ein Wunder! Die Pastete!!
Jennifer: Mitten im dritten Song kam Alex plötzlich verschwitzt und mit wehendem Haupthaar auf die Bühne, griff sich die hoffnungsvoll bereit gestellte Gitarre und spielte, wie er noch nie gespielt hatte!
Jauch: Tim, darf ich zwischendurch nachfragen, wie es bei dir läuft?
Tim: Es ist angerichtet! Es ist angerichtet! In letzter Sekunde… Freunde, ich wünsche guten Appetit!
Pathetische Erzählerstimme: So neigt sich auch dieses Kapitel seinem wohl verdienten Ende zu. Jennifer heiratete, bekam vier wunderschöne Kinder und fand endlich ihre endgültige Zufriedenheit. Alex kam weiterhin zu spät. Jauch, Netzer und Tim fanden wie gewohnt noch viele weitere Jahre im Deutschen Fernsehen statt. Und die Pastete … ja, die Pastete.
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Und es wurde Nacht über Bielefeld. Mit uns mehr als zufrieden gingen wir nach dem Serengeti-Festival mit unserer ersten Wall-of-Death Ever zu Bett.
Samstag: MTV-Campus-Invasion: Habt ihr ja eh alle gesehen, falls nicht: mtv.de.
Sonntag - Cottbus. Mhh.. Metal.
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